Geschichte
Zur Geschichte der Fraternitas Saturni (2)
Wenden wir uns also zunächst der Geschichte der Fraternitas Saturni zu. Als offizielles Gründungsdatum der Loge wird das Osterfest 1928 angegeben. Natürlich ging dem einiges voraus, doch bevor wir dies näher betrachten, werfen wir einen Blick auf das gesellschaftliche Umfeld, ohne das Ziele, Ideen und Arbeitsweise der frühen Fraternitas Saturni nicht zu verstehen sind. Zwar überschreitet Magie die Begrenzungen sozialer und kultureller Zusammenhänge, doch ihr Ausgangs- und Anknüpfungspunkt ist stets der Status quo. Das was vorgefunden wird, ist das Ausgangsmaterial, das Form, Arbeitsweise, Schwerpunkte, aber auch Täuschungen und Irrwege entscheidend mitbestimmt.
Versetzten wir uns also zurück in die Gründungszeit der Loge. Wir finden eine andere Welt. Obgleich es sich zweifellos um eine Zeit des Umbruchs und der Verunsicherung handelte, war das Leben gemächlicher als heute. Im Straßenbild dominierten noch Fußgänger und Radfahrer. Fuhrwerke wurden schon weniger, und Autos waren zwar stark im Kommen, doch immer noch eher selten, denn nur wenige besonders Privilegierte konnten sich ein Auto leisten. Straßenbahnen hingegen waren in den zwanziger Jahren schon relativ verbreitet. Sie wurden um die Jahrhundertwende eingeführt. Es war also ein Bild, wie wir es aus Gangsterfilmen über die Zwanziger kennen, die ja auch für die Bandenkriege in Chicago und die Eroberung Amerikas durch die Mafiabosse (wie Al Capone) berühmt sind. Die Frauen trugen Bubikopf, eine Frisur die 1920 in den USA erfunden, einige Jahre später Europa eroberte. Um 1925 war der Bubikopf auch in Europa der häufigste Frauenhaarschnitt und ist bis heute eines der Markenzeichen der goldenen Zwanziger, wie diese Epoche verklärend genannt wird. Dank der neuen synthetischen Farbstoffe, die damals gerade aufkamen, war die Mode bunter geworden. Dennoch, im Vergleich zu dem, was wir heute gewöhnt sind, wäre uns die Welt wahrscheinlich immer noch etwas trist erschienen.
Das Telefon war ebenfalls noch wenig verbreitet. Der amerikanische Präsident hatte erst 1929 ein eigenes Telefon auf seinem Schreibtisch. Bis dahin musste auch er sich einer Telefonzelle auf dem Flur bedienen. Das Fernsehen war noch nicht erfunden, der Rundfunk noch sehr jung. Im Oktober 1923 wurde zwar die erste Rundfunksendung in Berlin ausgestrahlt, doch von dem Zeitpunkt, wo jede Familie einen "Volksempfänger" besaß, war man 1928 noch einige Jahre entfernt.
Das Informationszeitalter hatte eben noch lange nicht begonnen. Man informierte sich durch die Zeitung, man besuchte Versammlungen und das Kino kam ganz groß in Mode. Dort sah man in den Wochenschauen einen Hauch der großen weiten Welt.
Reisen war immer noch mühsam und zeitraubend. Man fuhr mit der Bahn, mit dem Schiff, seltener mit dem Auto. Doch das neue Verkehrsmittel war gewaltig auf dem Vormarsch: Die erste Autobahn - die Avus in Berlin - wurde bereits 1921 fertiggestellt. 1928 begann der Bau der ersten europäischen Autobahn zwischen Köln und Bonn, der bis 1933 dauerte. Einige der großen Automarken von damals sind uns heute noch vertraut: Ford und General Motors in Detroit, Opel, die Bayerischen Motoren Werke (BMW). 1926 wurde die Daimler Benz AG durch Zusammenschluss der Daimler Motorenwerke und der Benz & Cie gegründet.
Die Arbeitsbedingungen für die meisten Menschen waren hart, das Leben im Vergleich zu heute eher karg, obgleich die Arbeitszeit in einigen Branchen gerade von zehn auf neun Arbeitsstunden verkürzt worden war, bei einer Anwesenheitspflicht von zehneinhalb Stunden plus Überstunden. Sonntag war der einzige arbeitsfreie Tag. An den gewerkschaftlichen Slogan "Samstags gehört Vati mir" dachte damals noch niemand. Urlaub gab es nur wenige Tage im Jahr und man war glücklich, wenn man dann eine Radtour in die Umgebung unternehmen konnte. Gereist wurde viel weniger als heute. Der Tourismus war noch nicht erfunden und wäre ohnehin für den normalen Arbeitnehmer unbezahlbar gewesen.
Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gab es nicht. Die Arbeitgeber standen auf dem Standpunkt, das Personal müsse dankbar dafür sein, dass man ihm Arbeit und Brot gibt; für schlechte Zeiten solle man selbst etwas zurücklegen. Dafür reichten die Reglementierungen bis ins Privatleben. Noch nach der Jahrhundertwende kontrollierten Firmenchefs wie Carl Duisberg die Domizile ihrer Arbeiter regelmäßig. Sie legten größten Wert darauf, dass alles sauber, ordentlich und zweckmäßig sei. Schließlich hatte die Firma ein Recht auf die Erhaltung der Arbeitskraft ihrer Beschäftigten.
Die gesetzliche Arbeitslosenversicherung wurde erst 1927 eingeführt und bot bei weitem noch nicht die Leistungen, die wir heute gewöhnt sind.
Vor dem Hintergrund solcher Erfahrung erklärt sich dann auch Grosches sozialistische Einstellung und Betätigung. Er war klar genug bei Verstand, diese Verhältnisse nicht gutzuheißen und als Idealist und Menschenfreund - der er nun mal war - war es ihm nicht möglich, tatenlos zuzusehen. Dennoch war ihm stets klar, dass die Freiheit des Menschen mehr beinhaltet als soziale Arbeitsverhältnisse. Für ihn war Unfreiheit eng verknüpft mit der grundsätzlichen Verfassung des Menschen. Aus diesem Grund fiel es ihm dann auch nicht schwer, seine politische Betätigung zugunsten des Aufbaus der Fraternitas Saturni aufzugeben. Schließlich ging es ihm um nicht weniger als darum, seinen Beitrag zur Höherentwicklung der Menschheit zu leisten, wie wir beispielsweise einer von ihm verfassten Präambel des Logengesetzes entnehmen können. Daran hat er fest geglaubt und dafür lebte er, so unbescheiden uns dies heute auch anmuten mag.
Die Zwanziger waren eine Zeit des Umbruchs und der Verunsicherung. Der Vertrag von Versailles, mit dem der Weltkrieg, der fast acht Millionen Menschen das Leben gekostet hatte, 19 Millionen wurden verwundet, sein vorläufiges Ende fand, erwies sich zunehmend als Stachel im Fleische des Volkes. 1924 besetzten Franzosen und Belgier das gesamte Ruhrgebiet, weil Deutschland mit den Reparationszahlungen, die praktisch nicht aufzubringen waren, denen aber der Reichstag 1921 gezwungenermaßen und zähneknirschend zustimmt hatte, in Rückstand geraten war. Die Bevölkerung blutete für den verlorenen Krieg. Die Saat für den 2. Weltkrieg begann bereits zu keimen.
Die Volkswirtschaft war mit den aufgebürdeten Lasten hoffnungslos überfordert. Die Folge: Inflation. Am 20. November 1923 kostete ein US-Dollar die unvorstellbare Summe von 4,2 Billionen Mark. Eine Neuordnung der Währung wurde unumgänglich. Die Rettung brachte im November 1923 das Gesetz über die Rentenmark. Landwirtschaft und Industrie bürgten mit ihren Boden- und Sachwerten für 3,2 Milliarden Rentenmark. Die gleiche Summe wurde in Geldumlauf gebracht. !924 erblickte als neue Währung die Reichsmark das Licht der Welt. Ein US-Dollar entsprach nun 4,2 Reichsmark.
1918 erhielten die Frauen in Deutschland das Wahlrecht und 1919 entschied sich Deutschland bei Wahlen der Nationalversammlung für die Demokratie. Im gleichen Jahr gründeten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht aus dem Spartakusbund die KPD.
Wie politisch, so geriet auch weltanschaulich einiges ins Wanken. Einstein erhielt 1921 den Nobelpreis. Offiziell für seine Arbeiten im Zusammenhang mit der Erklärung des photoelektrischen Effekts und der Quantennatur des Lichts. Tatsächlich war es eher eine späte Anerkennung seiner bereits 1914 veröffentlichten "Relativitätstheorie", der man sich inzwischen nicht mehr verschließen konnte. Heisenberg veröffentlichte 1927 seine Unschärferelation. Damit wurde der Welle/Teilchen-Dualismus als physikalische Realität endgültig etabliert und eine wesentliche Grundlage der Quantenmechanik geschaffen. Weitere Arbeiten folgten, doch dies war der entscheidende Schritt zu etwas wirklich Neuem. Zum ersten Mal gab es etwas in der Wissenschaft, an dem die menschliche Vorstellungskraft völlig versagte. Die Philosophen benötigten Jahrzehnte, diese Erfahrung zu verarbeiten und kauen daran noch heute.
Für die Wissenschaft war der Anfang dieses Jahrhunderts eine Sensation. 1913 stellte Bohr sein Atommodell auf und begründete damit völlig neue Vorstellungen vom Aufbau der Materie. Er konnte nun erklären, wieso Atome Licht unterschiedlicher, aber scharf definierter, Wellenlänge aussenden oder absorbieren können, was zu der bekannten Erscheinung der Spektrallinien führt. Otto Hahn und Liese Meitner entdeckten den radioaktiven Zerfall und eine Fülle instabiler Elemente und Isotope.
Dann kamen die beiden Theorien, die das Weltbild umkrempelten: Relativitätstheorie und Quantenmechanik. Paul Dirac forderte aus theoretischen Gründen die Existenz der Antimaterie. Er erklärte zudem, dass das Vakuum nicht etwa "Nichts" sei, wie man bisher angenommen hatte, sonder ein See aus Materie und Antimaterie, die sich gegenseitig aufheben, aber gewissen Fluktuationen unterworfen sind. Durch Zuführung von Energie sollte dann die Erzeugung von Teilchen/Antiteilchen-Paaren möglich sein. Diese Vorstellung war abenteuerlich, aber seine Vorhersagen erwiesen sich als zutreffend. Plötzlich schien fast alles möglich.
Man kann sich leicht vorstellen, wie diese Dinge auf den interessierten Laien gewirkt haben müssen. Das alles war nicht nur phantastisch, es war geradezu magisch. Die Welt war kein mechanisches Uhrwerk mehr, sondern vielmehr fremd, geheimnisvoll und voller unentdeckter Möglichkeiten. Der Wissenschaftsoptimismus und die Wissenschaftsgläubigkeit der damaligen Epoche erscheinen vor diesem Hintergrund fast als notwendige Konsequenz.
Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wie diese Dinge auch in der jungen Fraternitas Saturni aufgegriffen wurden, zumal es ja nicht nur die Physik und das theoretische Verständnis der Welt war, was einen rasanten Fortschritt erlebte. Auswirkungen des wissenschaftlichen Fortschritts und der daraus resultierenden technischen Innovationen zeigten sich überall im Alltag. Das war neu. Das hatte es bis dahin noch nie in diesem Maße gegeben.
Auch in der Chemie tat sich einiges. Neue Medikamente, wie Plasmochin gegen Malaria, Vigantol gegen Rachitis, Fuadin gegen Bilharziose, neue Farbstoffe und die ersten Kunstfasern - Kunstseide aus Cellulose - wurden entwickelt. Chemische Produkte für die Landwirtschaft kamen erstmals auf den Markt. Der Begriff "Pflanzenschutzmittel" wird geprägt. 1921 gelang Bantig und Best die Isolierung von Insulin - Voraussetzung zu einer Therapie des Diabetes, 1923 kam Germanin, ein Mittel gegen die Schlafkrankheit, auf den Markt und man entdeckte, dass sich eine Fülle von Medikamenten aus den neuen Farbstoffen ableiten ließ. Auch hier tat sich also etwas und man hatte allen Grund, an den Fortschritt zu glauben. Was war es denn, wenn nicht Fortschritt, was da die sich rasant entwickelnde Technik täglich neu vor Augen führte?
Neues und Veränderung gab es in allen Lebensbereichen. Die von Konrad Röntgen entdeckten unsichtbaren Strahlen, von ihm selbst X-Strahlen genannt, wurden zunehmend technisch eingesetzt. Das Automobil fand immer mehr Verbreitung. 1924 läuft bei Ford in USA das zehnmillionste Automobil vom "Band". Rollfilm für die Fotografie kommt in den Handel, die ersten kontrastreichen Photopapiere auf Silberbromidbasis werden verfügbar. Der Siegeszug der Elektrizität schreitet fort. Immer mehr elektrische Geräte kommen auf den Markt, und selbst entferntere Gegenden werden an das Elektrizitätsnetz angeschlossen. Der Rundfunk kommt auf, und das erste Patent für die "elektrische Übertragung von Bildern", die Grundlage unseres heutigen Fernsehens, wird angemeldet.
Doch die Naturwissenschaft und die Technik sind nicht die einzigen Bereiche, in denen es Neues gibt. 1928 ist Sigmund Freud noch Professor an der Universität in Wien und bastelt eifrig an seiner Psychoanalyse. Allein in den zwanziger Jahren erscheinen folgende Bücher aus seiner Feder: Ich und Es (1921), Die Zukunft einer Illusion (1927), Das Unbehagen in der Kultur (1929). Eine neue Einführung in die Psychoanalyse erscheint 1933.
Geistesgeschichtlich ist dies eine entscheidende Wende, denn im Grunde passiert hier etwas Entsprechendes wie in der Physik: Das Bild der Welt als mechanisches Uhrwerk zerbricht. Mit Hilfe von rein geistigen Prozessen - Analyse und Gespräch - lassen sich massive körperliche Erkrankungen beseitigen, ohne operativen Eingriff und ohne Medikamente: Der Geist beeinflusst den Körper. Für Spiritisten und Okkultisten war dies zwar nichts Neues, doch mit dieser wissenschaftlichen Bestätigung verband sich die Hoffnung, dass nun mit dem Wechsel zum Wassermann-Zeitalter auch eine neue Epoche für die Menschen beginnen würde. Ein Zeitalter, in dem Wissenschaft, Religion und Esoterik zu einer neuen Einheit verschmelzen und ein rasanter Fortschritt möglich werde, wurde postuliert. Die Idee vom Wegbereiter des neuen Äons, die in der Fraternitas Saturni eine wichtige Rolle spielt und auf die wir noch ausführlich zurückkommen werden, hat zweifellos hier ihre Wurzeln.
Bereits 1895 hatte Freud zusammen mit Breuer Studien über Hysterie betrieben und war dabei auf die Bedeutung der Sexualität und der sexuellen Unterdrückung für die Entstehung von Neurosen gestoßen. Sexualität und der Begriff "Libido" (lat. Begierde) für die psychische Energie spielen daher eine herausragende Rolle in Freuds Psychoanalyse und seiner Beschreibung der menschlichen Psyche.
Dies gilt, wenn auch nicht uneingeschränkt, ebenso für die Lehren seiner Schüler. Jung beispielsweise, der seit 1910 Professor in Zürich war, teilte zwar nicht Freuds Libido-Begriff und kritisierte auch die Ausschließlichkeit der Sexualität in Freuds Theorie, doch bestritt er nie deren herausragende Bedeutung. Er wollte sie lediglich im Zusammenhang einer allgemeinen psychischen Energie verstanden wissen, der wir in der Sexualität als einer äußerst starken und wichtigen Erscheinungsform begegnen. Es war die Wandlungsmöglichkeit der psychischen Energie, die Jung so faszinierte und der er in Religionen, Mythen und alchymistischen Traktaten nachspürte. Religion war für ihn ein Grundanliegen des Menschen, das archetypisch in der Seele angelegt war und im günstigen Fall zu einem Entwicklungs- und Reifungsprozess führte, den er Individuation nannte. Mit diesen Ideen ging er weit über Freud hinaus und fand schnell Anklang in esoterischen Kreisen, die sich auch heute noch gerne auf C.G. Jung beziehen. Auch seine Methode der Traumdeutung passte weitaus besser zu den Vorstellungen der Okkultisten als die Freuds. Freilich, Freuds Anliegen, Jung möge ihn dabei unterstützen, mit Hilfe der Psychologie ein "Bollwerk gegen die schwarze Schlammflut des Okkultismus" zu errichten, wurde durch Jungs Arbeiten nicht erfüllt. Im Gegenteil, Esoteriker der verschiedensten Richtungen sehen sich noch heute durch Jungs Theorien bestärkt, und das sogenannte psychologische Erklärungsmodell der Magie basiert im wesentlichen auf dem tiefenpsychologischen Ansatz der jungschen Schule.
Ein anderer Schüler Freuds, Wilhelm Reich, der 1922 noch bei Freud in Wien das Seminar für psychonalytische Therapie geleitet hatte, machte sich auf andere Weise selbständig. Für ihn hatte Sexualität eine noch größere Bedeutung als für Freud. 1927 veröffentlichte er sein Buch "Die Funktion des Orgasmus". Reich betont sehr stark die regressive Funktion von Familie und Gesellschaft und setzt sich damit erheblicher Kritik aus. 1939 geht er in die USA, wo er seine Orgonlehre und Orgontherapie entwickelt. Hierin nähert er sich klassischen indischen Ideen der Lebensenergie "Prana" und knüpft an Entdeckungen an, die Karl Freiherr von Reichenbach (1788 - 1869) gut 100 Jahre vor ihm gemacht hat. Für das Establishment ist er damit endgültig erledigt. Für sie ist er zum Mystiker und Scharlatan geworden. Es ist nicht verwunderlich, dass er schließlich aus dem Verkehr gezogen wird und sein Leben im Gefängnis beendet.
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